Einfach mal 100.000 Studierende streichen

Die Regierung hat gestern die flächendeckende Einführung von Zugangsbeschränkungen bekannt gegeben. So will man das natürlich nicht nennen – Studienplatzfinanzierung ist das Stichwort. Das klingt ja gar nicht so schlecht – Studienplätze müssen ja irgendwie finanziert werden. Und dass die Unis seit Jahren chronisch (und strategisch) unterfinanziert sind hat sich inzwischen herumgesprochen. Oder?

Studienplatzfinanzierung bedeutet, dass pro Studienplatz ein bestimmter Betrag aufgewendet wird. Berechnungsmöglichkeiten gibt es viele unterschiedliche, differenziert nach Fächergruppen, mit unterschiedlichen Sockelbeträgen, Sonderausschüttungen bei Erreichung bestimmter Ziele etc. Die ÖVP und inzwischen auch die SPÖ glauben, dafür Kapazitätsgrenzen festlegen zu müssen. In Österreich wurden bisher zwei Möglichkeiten diskutiert:

1. Sie orientieren sich an den bisherigen Ausgaben – also den “realen Kapazitäten” einzelner Studienbereiche. Defacto wird dabei einfach der bestehende (schlechte) Zustand eingefroren – wurscht ob sich das Interesse am Fach steigert oder sich gesellschaftlich eine höhere Nachfrage ergibt. Dass die nunmehr beschränkte Zahl an Studierenden mit verbesserten Bedingungen rechnen kann, ist auch nicht zwangsläufig der Fall: nur weil Geld pro Studienplatz ausgeschüttet wird bedeutet das nicht, dass es mehr wird.

2. Wie bei den Fachhochschulen bereits üblich könnten sogenannte Bedarfs- und Akzeptanzanalysen herangezogen werden. Damit soll erhoben werden, wie groß der Bedarf an Arbeitskräften in einer bestimmten Bereich gerade ist bzw. bald sein wird und ob die Absolvent_innen vom Arbeitsmarkt akzeptiert werden. Der ehemalige Leiter der FH Joanneum bezeichnete diese Analysen in der Vergangenheit als “höheres Kaffeesudlesen”. Die Festlegung könnte auch politisch erfolgen, zB wenn das Parlament beschließen würde, einen wirtschaftlichen Schwerpunkt auf eine bestimmte technologische Sparte legen zu wollen. Solche Überlegungen gab es schon mehrmals: als Lisl Gehrer zB ihren berühmten Brief ausschickte, um junge Menschen vom Lehramtsstudium abzubringen. Die Auswirkungen sehen wir heute: akuter Lehrer_innenmangel.

Beide Varianten schränken das Recht auf Bildung massiv ein: denn der Staat (bzw. uU vorgelagert die Universität) bestimmt, welche Fächer jemand studieren kann. Damit verbunden ist auch die Weiterentwicklung der verschiedenen Wissenschafts- und Forschungsbereiche. Dazu kommt noch ein weiteres Problem: Universitäten zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass die Lehre forschungsgeleitet erfolgt. Das bedeutet dass die Lehrenden ihre Forschungsprojekte und -ergebnisse in die Lehre einfließen lassen sollen: für ein zeitgemäßes Studium ist das unerlässlich. Doch bereits jetzt gibt es Lehrende an den Universitäten (Lectureres) die zu vielen Stunden Lehre verpflichtet sind und keine Zeit mehr für Forschung und damit für das umfangreiche Studium von Fachliteratur haben. Der Effekt davon ist oft eine wesentlich schlechtere Qualität der Lehre: wenn Studierende zum Zeitpunkt ihres Studiums bereits veraltete Methoden lernen werden diese nach ihrem Abschluss unbrauchbar sein.

Es wäre ebenso möglich, keine Obergrenzen festzulegen. Wie auch in anderen Bereichen gibt es Prognosen für die Entwicklung der Studierendenzahlen. Die entwickeln sich grundsätzlich auch nicht sprunghaft (außer es gibt große Zäsuren wie die Einführung oder die Abschaffung von Studiengebühren…). Es gilt das selbe Prinzip: das Recht, Arbeitslose zu beziehen oder gesundheitliche Behandlung zu erhalten erlischt auch nicht wenn die Töpfe leer sind.

 Einfach mal 100.000 Studis streichen

Was die Regierung allerdings jetzt plant ist noch perfider: sie tut so als würde sie eine Studienplatzfinanzierung einführen und garantieren, dass es nicht weniger Studienplätze gibt als bisher (aber auch nicht wirklich mehr…). Das ist jedoch eine glatte Lüge. Denn als Grundlage für die Berechnung verwenden ÖVP und SPÖ eine eigene, neue Definition von “Prüfungsinaktivität”.

Als prüfungsinaktiv gelten grundsätzlich Studierende, die in einem Semester bzw. Studienjahr keine Prüfung abgelegt haben. Doch die Regierung treibts noch ein bissl bunter: als prüfungsinaktiv wertet sie jene Studierenden, die weniger als 16 ECTS (für Oldies 8 Semesterwochenstunden) im Jahr absolvieren. Also Menschen die eh Prüfungen machen, aber halt nicht viele. Die Gründe dafür sind sehr verschieden, haben aber – oh Überraschung – meist nichts mit der kolportiertenFaulheit zu tun.  Prüfungsinaktiv zu sein heißt nicht zwangsläufig studieninaktiv zu sein – viele Studierende schreiben ihre Abschlussarbeiten (sowas dauert) oder müssen aufgrund von Voraussetzungsketten warten bis eine Lehrveranstaltung wieder angeboten wird.

Der wichtigste Grund für ein langsameres Studium ist aber, dass die große Mehrheit der Studierenden arbeiten muss um sich ihr Studium zu finanzieren. 63% tun das während des Semesters, und zwar durchschnittlich 20 Stunden pro Woche. Ab 11 Stunden Arbeit pro Woche geht die Zeit, die fürs Studium aufgewendet werden kann, stark zurück (für Interessierte: S. 174 SoLa). Falls das jemandem nicht klar ist: ein reguläres Semester ist auf eine 40h-Studienwoche ausgelegt, oft aber auch mehr weil die ECTS-Punkteregelung nicht eingehalten wird.

Laut den Statistiken des Wissenschaftsministerium sind das 100.000 (!!!!) Studierende. Von gesamt ca. 330.000.

Und die Regierung sagt jetzt einfach: hey, ihr 100.000 (!!!!) Student_innen die ihr leider zu hackeln müsst um studieren zu können, wir pfeifen auf euch. Ihr habt es nicht verdient einen Studienplatz zu kriegen. Und außerdem ist das auch für uns voll praktisch, eine win-win-Situation: jetzt können wir so tun als hätten wir ein Betreuungsverhältnis das ok ist und müssen gar nicht (wesentlich) mehr zahlen und haben gleichzeitig auch noch 100.000 Studis rausgehaut. Nix mit 2% BIP für die Hochschulen bis 2020. Dass Hochschule und Wissenschaft seit vielen vielen Jahren kaputt gespart wird ist bekannt. Der selbe Weg wird jetzt einfach unter dem Titel Studienplatzfinanzierung weiter fortgeführt.

Welche Auswirkungen die Aufnahmeverfahren, die angekündigt wurden auf die Entwicklung der Studierendenzahlen und die Sozialstruktur der Studi-Population haben werden werd ich noch beschreiben.

Ich kandidiere

Ja, ich kandidiere für die Grünen für den Nationalrat. Ich vermute, das ist jetzt nicht soo die Riesenüberraschung, Spekulationen gab es ja schon lange. Aber ich wollte diese ja nicht ganz unwichtige Entscheidung in Ruhe selbst treffen.

Warum ich kandidiere:

In meiner Zeit als ÖH-Vorsitzende habe ich hautnah erlebt, wie Politik in Österreich funktioniert. Sie funktioniert nämlich nicht. Bei unserem ersten Termin mit dem damaligen Wissenschaftsminister Hahn begrüßte er uns mit den Worten “Ja, Sie sind ja nicht von meiner Fraktion”. Bei den folgenden Terminen planten wir immer 10 Minuten dafür ein, ihm (möglichst unauffällig) zu erklären, worums überhaupt geht. Fachkenntnis war genauso wenig vorhanden wie Interesse. Dieses Bild setzte sich fort – in Scheinverhandlungen mit Faymann und Pröll, in Diskussionen mit den Rektor_innen, bei den Protesten gegen die Kürzung der Familienbeihilfe, beim Hochschuldialog.

Begleitet wurden diese Eindrücke von den Erzählungen frustrierter Beamt_innen, deren Vorschläge und Expertise es nur sehr selten in die höheren Sphären der Ministerien schaffen. Von Journalist_innen, die zum zigsten Mal die selben Geschichten zu Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen schrieben. Und von tausenden Studierenden, die nicht verstehen konnten, dass sich die Verantwortlichen so einfach aus der Affäre ziehen konnten.

Die öffentliche Debatte bleibt in Österreich stets an der Oberfläche. Die Maßnahmenpakete der Regierung dienen oft nicht nur der politischen Verwaltung eines schlechten Ist-Zustandes sondern verschärfen grundlegende Probleme noch weiter. Österreich ist ein Land des Wurschtelns.

Ich bin überzeugt: Damit sich langfristig etwas zum Besseren bewegen kann, muss Politik radikal sein im wahrsten Wortsinn – an die Wurzel gehend. Das bedeutet ganz genau hinzusehen, um Probleme dort erkennen und ansprechen zu können wo sie entstehen. Und es bedeutet jenseits von Sachzwängen und kurzfristigen Machbarkeitsanalysen politische Ziele zu formulieren und sie konsequent zu verfolgen. So dreht sich etwa die öffentliche Debatte zum Hochschulsystem immer nur um Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren, anstatt darum, wie wir möglichst vielen Menschen den Zugang zu höherer Bildung öffnen können.

Politik hat einen beschissenen Ruf. Bei Diskussionen in Lehrveranstaltungen bekomme ich manchmal das Gefühl, Politik wäre etwas anrüchiges, etwas das man_frau nicht tut. Dass 2013 viele Wähler_innen Stronachs Erzählung von Wirtschaftskompetenz aufsitzen werden*, kommt nicht von ungefähr – ein Fünftel wünschte sich bei der Wertestudie 2009 einen “starken Mann”, der sich nicht um Parlament und Wahlen kümmern muss. Ich traue mich wetten, der Wert wäre heute noch höher. Für ein Land, das sich der Aufarbeitung seiner Geschichte weitgehend verweigert hat, kommt das nicht ganz unerwartet. Aber es kann so nicht bleiben.

Ich will und werde nicht Zuschauerin sein in diesem Prozess. Ich habe beschlossen für den Nationalrat für die Grünen zu kandidieren um diesem Politikstil und der inhaltlichen Leere österreichischer Politik etwas entgegenzusetzen.

In den nächsten Wochen und Monaten werde ich auf diesem Blog genauer beschreiben, wofür ich kämpfen will, welche Rolle social media im parlamentarischen Prozess spielen könnte und viele andere Gedanken zu Politik und Gesellschaft.

Ich kandidiere in Tirol auf Platz zwei und im Bund voraussichtlich ab Platz drei. Dabei entscheiden jeweils die Landesversammlung bzw. die Delegierten für die Bundesversammlung wer auf welchen Platz gereiht wird. Drückt mir die Daumen!

*damit rechne ich fix, außer es taucht noch eine gröbere Steuerhinterziehung oder ähnliches auf…